[Externer Link] Webseite - Autonome Provinz Bozen - Südtirol

Autochthones Saatgut und biogeographische Zonen

Feuchtwiese mit Wollgras, Orchideen und Klappertopf, Grödental (Archiv Amt für Natur, 2019)
Feuchtwiese mit Wollgras, Orchideen und Klappertopf, Grödental (Archiv Amt für Natur, 2019)

„Saatgut ist nicht gleich Saatgut“ – lokales Saatgut gilt im Sinne der floristischen und genetischen Biodiversität als die beste Lösung!

Die Flora hat sich seit der letzten Eiszeit - im Laufe von 10.000 Jahren - an unsere Klima- und Bodenverhältnisse angepasst. Gemeinsam mit Bestäuberinsekten (z.B. Wildbienen) entwickelten sich vielfältige Lebensgemeinschaften, ein naturhistorisch einmaliges Kapital, für dessen Bewahrung wir große Verantwortung tragen.

Übliches Handelssaatgut gilt als Florenverfälscher und selbst importiertes Regiosaatgut aus anderen Regionen weist genetisch unterschiedliche Eigenschaften auf!

Offene Flächen werden nach durchgeführten Erdbewegungen üblicherweise rasch „begrünt“. Die Biodiversitätsstrategie der EU fordert nicht nur Begrünung, sondern Renaturierung solcher offener Bodenwunden. Kultiviertes und selektioniertes Saatgut kommt nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen, sondern z. B. auch an Straßenböschungen oder auf Skipisten selbst in entlegenen Gebieten zum Einsatz. Alljährlich gelangen auf diesem Wege große Mengen von gebietsfremdem Saatgut in Südtirols Natur. Übliches Handelssaatgut enthält zum einen oft Pflanzenarten, die in Südtirol nicht heimisch sind, und deren Ausbringung zur Florenverfälschung beiträgt. Es gibt bereits eine Reihe von nicht-heimischen Arten, die sich über eingebrachtes Saatgut in Teilen Südtirols etablieren konnten und zum Schaden heimischer Arten Teil unserer Flora geworden sind. Zum anderen enthält Handelssaatgut zwar heimische Arten, aber nur als selektionierte Zuchtformen („Kultivare“), oft mit unbekannter geografischer bzw. genetischer Herkunft. Solche Zuchtformen führen durch kontinuierliche Hybridisierung mit heimischen Populationen zu einer genetischen Schwächung derselben. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Populationen sich über Jahrtausende an die lokalen Bedingungen bestens angepasst haben, ist eine Schwächung dieser „lokalen Ökotypen“ im Sinne der Resilienz zu vermeiden. Es ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe durch Sammeln von Samen auf artenreichen Spenderflächen in Südtirol und Verwendung dieses autochthonen (=gebietseigenen) Saatguts diesem Trend entgegenzuwirken.

Die Eignung von Saatgut nimmt mit zunehmender Entfernung zwischen Einsatzort und Herkunft ab.

Gesammeltes Saatgut sollte dort bzw. in nächster Umgebung eingesetzt werden, wo es gesammelt wird! Zwischen einem Wiesen-Salbei aus dem Ahrntal und derselben Art aus dem Unterland ist äußerlich nicht unbedingt ein Unterschied erkennbar, aber auf genetischer Ebene. Vertreter derselben Art haben sich an die unterschiedlichen lokalen Wuchsbedingungen innerhalb Südtirols angepasst. Nicht gebietseigene Pflanzen können eine geringere „Fitness“ und ein abweichendes Blühverhalten aufweisen. Dies wiederum kann sich auch die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Tier- und Pflanzenarten auswirken, besonders auf hochspezialisierte Bestäuberinsekten wie es z.B. viele Wildbienen sind.

Das Naturmuseum Südtirol befasst sich mit der Verbreitung der verschiedenen Pflanzensippen in Südtirol. In Südtirol werden fünf verschiedene, klimatisch-arealgeographische Hauptzonen abgegrenzt: der Westen, der Norden (Alpenhauptkamm), die Mitte, die Dolomiten und der Süden Südtirols. Diese gilt es zu berücksichtigen, damit das Saatgut wieder dort ankommt, wo es ursprünglich herkommt.

In jeder dieser Zonen haben sich eine eigene genetische Vielfalt an Arten und ökologischen Beziehungen entwickelt. Um die genetische Biodiversität langfristig zu erhalten, müssen diese sogenannten biogeographischen Zonen beim Sammeln und Ausbringen von Saatgut aus Südtirol unbedingt berücksichtigt werden.

Die Verwendung von autochthonem Saatgut ist eine wichtige Voraussetzung für eine naturnahe Begrünung bzw. Renaturierung und der Förderung einer standortangepassten Vegetation. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Natur- und Artenschutz und stellt z.B. sicher, dass angesäte Pflanzen auch für lokal vorkommende Bienenarten und andere Insekten nutzbar sind.

Dekorative Grafik

Biogeographische Zonen in Südtirol, die beim Sammeln und Ausbringen von Saatgut zu berücksichtigen sind: der Westen (Vinschgau, Ulten), der Norden (Passeier, Brenner- und Pfunderer Berge, Ahrntal), die Mitte (Sarntaler Alpen, Eisacktal und Dolomiten-Vorberge), die Dolomiten und der Süden.

Artenreiche Bergwiese (Archiv Amt für Natur, Foto Mauro Tomasi, 2019)
Artenreiche Bergwiese (Archiv Amt für Natur, Foto Mauro Tomasi, 2019)

Wie wird das Saatgut gesammelt?

Bleiben Sie auf dem Laufenden

NEWSLETTER

Abonnieren Sie unseren Newsletter,
um auf dem Laufenden zu bleiben

Abonnieren